Am Donnerstag wurden die Sperren für das „Skandalspiel“ des letzten Wochenendes zwischen Galatasaray und Fenerbahçe bekannt gegeben. In den letzten Minuten der Begegnung kam es vor der Ausführung eines Freistoßes im Strafraum von Galatasaray zu Rangeleien, die zu einigen Ohrfeigen und blutigen Nasen führten. Die Situation schien außer Kontrolle zu geraten, als aufgebrachte Fans von Galatasaray auf das Tribünendach kletterten und dieses sich unter dem Gewicht bedenklich bog und auf die unteren Zuschauer zu brechen drohte. Der Schiedsrichter der Partie zeigte 4 Spielern die rote Karte und pfiff die Begegnung, die mit 0:0 endete, ab.
Galatasaray wurde zu einer Geldstrafe und zu einer Platzsperre verurteilt, darüber hinaus zu einem weiteren Spiel ohne Zuschauer. Arda und Semih, die sich gegenseitig ohrfeigten bekamen eine Sperre von je 3 Spielen, Lugano von Fenerbahçe, mit seinem Kopfstoß gegen Emre Aşık Auslöser der Tumulte, muss 5 Spiele pausieren. Emre Aşık bekam eine Sperre von 2 Spielen, vermutlich dafür, dass er sich kopfstoßen und die Nase blutig hauen ließ. Die im Spiel nicht mit der roten Karte bedachten Sabri und Volkan bekamen auch Sperren, Sabri 2 Spiele für unsportliches Verhalten im Spiel und Volkan 3 Spiele dafür, dass er sich während der Schubsereien auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes an die Zuschauer von Galatasaray wandte und sich provokativ im Genitalbereich herumfingerte.
So weit die Fakten. Wie so häufig zwischen gerade diesen zwei Mannschaften in den letzten Jahrzehnten, ist es also auch dieses Mal zu unschönen Szenen gekommen, nichts was man nicht gewohnt sein sollte.
Dennoch ist da der bemerkenswerte Niveauverlust der Fans von Galatasaray zu beanstanden.
Galatasaray ist von den Istanbuler Großclubs derjenige, der immer einen Hauch von verarmter Aristokratie, von Elite, von Niveau, von pleite aber würdevoll versprühte.
Während Fenerbahçe meist wirkt wie der neureiche Lottogewinner auf einer Cocktailparty, mit den Taschen voller Geld, einer Hühnerkeule in der linken und einem Hummer in der rechten Tasche auf der verzweifelten Suche nach Anerkennung, und vom Verhalten zwischen Größenwahn und Straßenköter schwankend, ist Beşiktaş der an wenigsten glamouröse, aber bodenständigste Verein, deren Fans meist als „Fernfahrer“ gelten, verschwitzt, unrasiert, cholerisch, manchmal mit einer Tendenz zum Mafiösen aber dennoch unprätentiös und unaffektiert.
Es ist also nicht unbedingt verwunderlich, wenn Volkan sich am Gemächt herumfingert, Emre Belözoğlu wiederholt mit „ich-stech-dich-ab“-Parolen seine Gegner bedroht, Semih nach der Ohrfeige von Arda peinlich wie ein nasser Sack auf dem Rasen herumrollt, nur um später Respekt von dem Jüngeren einzufordern, Lugano in knapp 3 Saisons bisher 26 gelbe und 5 rote Karten ansammelt und der recht halbseidene Baulöwe und Präsident des Vereins vor der Begegnung seine Spieler dazu anhält, die Zuschauer im Ali Sami Yen Stadion aufzuwiegeln.
Bedenklich ist es allerdings, wenn diese Tribünen sich dem Niveau des Gegners anpassen. Fans in rot und gelb, die dem Eigengewächs und jetzigen Fenerbahçespieler Emre Belözoğlu die Pest wünschen und seine Familie von der Urgroßmutter bis zum Wellensittich in unaussprechlicher Weise derbe beleidigen, möchte man nicht bei Galatasaray sehen. Vor dem Spiel wurden US-Dollarblüten mit dem Konterfei Emres gedruckt, eine Anspielung darauf, dass dieser sich vor einigen Jahren weigerte den Vertrag zu verlängern, um ein entsprechendes Handgeld bei seinem Wechsel nach Italien einstreichen zu können. Gelungener, niveauvoller Protest, wie er sein sollte. Wer den Wettbewerb „beleidigst-Du-mich-dann-beleidige-ich-dich-im-Rückspiel-noch-doller“ initiiert hat ist egal. Man hat aber immer noch die Möglichkeit, zu entscheiden, ob man auf diesem Level mitspielen möchte oder nicht. Fenerbahçe hat es seit Jahrzehnten weder von den Erfolgen noch vom Renommé geschafft, zu Galatasaray aufzuschließen. Anstatt auf die permanenten Sticheleien aber nach Kahn’scher Manier mit einem „Was stört es den türkischen Olivenbaum, wenn sich der Hammel daran reibt“ zu reagieren, hat man sich auf die selbe prollige Ebene hinabziehen lassen.
Und das ist definitiv die schlimmste Niederlage, die man bei einem 0:0 erleiden kann.
Schlagworte: Arda, Beşiktaş, Derby, Emre, Emre Belözoğlu, Fenerbahçe, Lugano, Semih
23. Mai 2009 um 8:07 |
Das Viedeo wurde vom Nutzer entfernt, ist aber hier noch zu sehen: http://www.youtube.com/watch?v=Y4UAt7ABonk