In den neunziger Jahren war die Türkei im Fußball auf internationaler Ebene nicht beeindruckender, als heute Estland oder Island. In der Qualifikation zur WM 86 in Mexiko holte man sich gegen England mit 0:5 und 0:8 zwei Klatschen auf San-Marino-Niveau ab und belegte in der Gruppe hinter England, Nordirland, Rumänien und Finnland den letzten Platz mit exakt einem ganzen Punkt auf der Haben-Seite.
Gut 20 Jahre später ist die Nationalmannschaft der Türkei eine auf der Welt zumindest so weit etablierte Truppe, dass sich keine gegnerische Mannschaft mehr auf diese Begegnungen freuen dürfte. Symptomatisch für diesen Wandel dürfte auch die Entwicklung von Galatasaray in den neunziger Jahren gesehen werden. Empfand man vorher stets ein dumpfes Unterlegenheitsgefühl gegenüber der Krone der Zivilisation aus Europas Westen, so begann unter anderem mit der Arbeit von Jupp Derwall in Istanbul ein Prozess der Emanzipation. Spielerisch und technisch waren die Kicker aus der Türkei meist eh beschlagen, es musste nur aus den Köpfen raus, dass man sich gegen Europäer nicht zwangsweise in vorauseilender Ehrfurcht devot auf den Rücken legen und unterwürfig den Bauch präsentieren muss, die vielgepriesene türkische Gastfreundschaft hin oder her.
Ausdruck des neuen Selbstbewusstseins war die Saison 88/89 im Europapokal der Landesmeister unter dem Nachfolger Derwalls, Mustafa Denizli. Galatasaray schaffte es bis in das Halbfinale und erzielte auf dem Weg dorthin einige interessante Ergebnisse. Rapid Wien wurde ausgeschaltet, Xamax Neuchâtel bekam gleich eine 5:0 Klatsche, nachdem man im Hinspiel noch 0:3 unterlegen war. Im Viertelfinale wartete dann mit dem AS Monaco ein ganz großer Name.
Im Kader stand damals ein blutjunger Bülent Korkmaz, der 630 Spiele für Galatasaray später heute Trainer genau dieses Vereins ist sowie Tugay Kerimoğlu, heute mit 39 Jahren immer noch in der Premier League bei den Blackburn Rovers tätig. Spieler wie Uğur Tütüneker oder Erhan Önal kamen über Bayern München zu Gala und bildeten mit Tanju Çolak, mit 39 Toren Gewinner des Goldenen Schuhs in Europa und den damals nur erlaubten 3 ausländischen Kickern eine legendäre Truppe.

Cevad Prekazi ist immer noch eine der herausragendsten Persönlichkeiten, die jemals in die Türkei gewechselt ist. Der albanischstämmige Mittelfeldspieler wechselte von Hajduk Split zu Galatasaray und bestritt in 6 Saisons 169 Spiele für die Löwen. Legendär wurde Prekazi – um den Bogen zur Begegnung gegen Monaco zu spannen – im Viertelfinalrückspiel des Europapokals der Landesmeister.

Das Hinspiel hatte Galatasaray schon für die Fachwelt völlig überraschend mit 1:0 in Frankreich für sich entscheiden können. Da man sich eine Spielsperre für das heimische Stadion eingehandelt hatte, musste Galatasaray das Rückspiel auf neutralem Platz austragen und entschied sich für…das Kölner Müngersdorfer Stadion. In der Folge platze der völlig ausverkaufte Laden mit schätzungsweise 4 Milliarden Türken aus allen Nähten, während in einer Ecke des Stadions ganze 800 Monegassen wie ein Grüppchen Schafe vor der Schur vor sich hinzitterten.
In einer Zeit, in der türkischer Fußball eigentlich eher ein selbsterklärender Witz war, wie Dnjepr Dnjepropetrowsk oder Barfuss Jerusalem, spielte Galatasaray gegen AS Monaco ein Viertelfinale im Europapokal. Trainer der Monegassen war ein gewisser Arséne Wenger und im Kader standen Spieler wie Battiston, Amoros, Hoddle oder Weah. In einer Zeit, in der türkischer Fußball eigentlich eher ein Witz war, brodelte dieses Stadion voller Türken und demonstrierte ein bisher nicht gekanntes Selbstbewusstsein. In der 51. Minute bekam Galatasaray beim Stande von 0:0 einen Freistoß aus annähernd 40 Metern Entfernung zugesprochen. Cevad Prekazi, mit gerade einmal 160 cm Leibesgröße und schmächtigen 60kg Gewicht legte sich – in einer Zeit, in der also türkischer Fußball eigentlich eher ein Witz war – den Ball zurecht. Der Rest ist Geschichte.
Monaco schaffte nur noch den 1:1 Ausgleich durch Weah und schied aus, Galatasaray unterlag später im Halbfinale Steaua Bukarest. Dennoch liegt in diesen Auftritten von Galatasaray und dem Tor von Prekazi die Wurzel für das neue Selbstbewusstsein im türkischen Fußball. Insbesondere für die seit Jahren im deutschen „Exil“ lebenden Türken, hat der aus 40 Metern mit unglaublicher Chuzpe ins Eck gezimmerte Freistoß wohl eine ganz besondere und eigene Bedeutung gewonnen.
Cevad Prekazi ließ seine Karriere bei einigen kleineren Vereinen in der Türkei ausklingen und wurde bei Spielen im Ali Sami Yen Stadion von den Fans seines ehemaligen Teams so frenetisch gefeiert, dass er wie ein Schlosshund geweint haben soll.
Schlagworte: AS Monaco, Erhan Önal, Europapokal der Landesmeister, Jupp Derwall, Mustafa Denizli, Prekazi, Rapid Wien, Tanju Çolak, Tugay Kerimoğlu, Uğur Tütüneker, Xamax Neuchâtel
9. April 2009 um 12:03 |
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9. April 2009 um 4:00 |
diese begegnungen gegen xamax, monaco usw. sind mir aus meiner kindheit vor allem von erzahlungen meines vaters in erinnerung…es war damals wie ein kleines weltwunder fur den turkischen fussball.
…deswegen ist es ganz cool diesen eintrag zu lesen
ich hab das nur damals nicht so ganz genau mitbekommen, da ich zu der zeit noch damit beschaftigt war das laufen zu lernen
achja: wie kann man die jubilaums-dvd mit so einer katzenmusik versauen? grausam.
9. April 2009 um 4:11 |
Die Musik ist gruselig, aber bei dem Kommentar stellen sich einem immer noch die Nackenhaare auf…:-)
Gegen Monaco war ich als Kid im Kölner Stadion – und es ist unmöglich diese Emotionen auch nur annähernd zu beschreiben…
10. April 2009 um 4:45 |
sehr schöner text, hat mal wieder spass gemacht zu lesen.
und wie geil, dass der damals nichtmal schienbeinschoner tragen musste…
15. April 2009 um 3:58 |
Schönes Blog, hier komm ich öfter her.
15. Mai 2009 um 8:18 |
bei deinem text gibt es einen kleinen Fehler . Nach dem Monaco Spiel haben wir im Halbfinale nicht gegen Roter Stern sondern gegen Steaua Bukarest gespielt (damals mit HAGI ) . Hinspiel 0:4 Rückspiel 1:1
17. Mai 2009 um 2:29 |
Stimmt absolut, danke für den Hinweis, ist korrigiert…:-)