Wie soll man einer unbeteiligten Person erklären, dass man einem Fussballverein verfallen ist, mit allen Stimmungsschwankungen die in eine echte Beziehung hineingehören? Wut, Liebe, Freude, Leidenschaft, Eifersucht und Beleidigtsein…kann man das, indem man die Anzahl der Titel aufzählt? Auf ein dickes Bankkonto verweist? Wie kann man einer nur mäßig interessierten und rational veranlagten Person vermitteln, dass Herzrasen und schweißnasse Hände nicht nur in leidenschaftliche Beziehungen zu anderen Menschen gehören? Dass zwischenmenschliche Bindungen vielleicht sogar anfälliger sind, als die Hingabe zu einem…Fussballverein?
Den Hauch einer Ahnung kann man einer nicht-infizierten Person nur vermitteln, indem man auf subjektive, eigene Erfahrungen verweist. Galatasaray als erster türkischer Club, der international aufhorchen lässt und den ewigen Komplex der Unterlegenheit gegenüber dem „echten Euopa“ lässig abzuschütteln scheint. Ein volles Müngersdorfer Stadion mit 99% gelb-rot gekleideten Türken. Ein durchgeknallter schottischer Trainer, der eine überdimensionale Galatasaray Fahne in den Mittelkreis des Stadions von Erzrivale Fenerbahçe spießt. Galatasaray, das als völliger Underdog gegen den seit Jahren zu Hause ungeschlagenen Giganten Manchester United um Eric Cantona nach einer Viertelstunde 0-2 zurücklieg, dann noch 3 Tore im Old Trafford einschenkt und die Engländer letztendlich auch sensationell aus der Champions League wirft.
Das UEFA-Cup Finale gegen Arsenal in Kopenhagen, wo Thierry Henry in der Verlängerung und mit Golden Goal Regelung aus geschätzten 20 Zentimetern Entfernung einen Kopfball auf das Tor zimmert und das bisschen Leben, das man bis zu diesem Zeitpunkt geführt hat als Kurzfilm vor dem inneren Auge abläuft, weil man zum ersten Mal ahnt, wie sich ein drohender Herzinfarkt anfühlt.
Um also einer unbeteiligten Person ein wenig verständlich machen zu können, warum Galatasaray der beste Club der Welt ist, bedarf es auch an dieser Stelle zumindest einer Anekdote. Hier die Rahmenhandlung:
In der Saison 2005/2006 ist der Belgier Eric Gerets Trainer von Galatasaray. Dieser findet als Voraussetzung einen finanziell maroden Verein und ein dünn besetztes Team vor. Keine Stars, einige wenige junge Talente wie Arda oder Aydın und mit Farid Ali Mondragon, Stjepan Tomas, Rigobert Song, Alioum Saidou, Marek Heinz und Saša Ilić Legionäre aus der B- oder C- Kategorie, weit entfernt von dem Glanz eines Hagi, Popescu oder Mario Jardel. Dazu einige Altgediente aus verblassenden UEFA-Cup-Zeiten wie Hakan Şükür oder Ergün. Härtester Konkurrent – wie häufig - Fenerbahçe unter Trainer Daum und mit Spielern zum Zungeschnalzen: Anelka, Tuncay, Appiah, Aurelio oder Alex.
In der ersten Runde des UEFA-Cups scheidet Galatasaray gegen den norwegischen Verein Tromsø aus. Viel tiefer kann man kaum noch sinken, die Saison scheint zu diesem Zeitpunkt bereits gelaufen.
Tiefe Zerwürfnisse innerhalb des Präsidiums, Frust bei den Anhängern und Frust bei Spielern und Trainern, die ihre Gehälter nur schwer oder gar nicht mehr ausgezahlt bekommen. Zwischenzeitlich erscheinen die Profis aus Protest nicht mehr zum Training und Altstar Hakan Şükür hilft den jungen Spielern aus eigener Tasche mit Spenden aus, damit diese ihre Mieten und Rechnungen bezahlen können – wo zudem zum selben Zeitpunkt der neidische Blick über den Zaun Beklemmungen auslöst, wo Fenerbahçe gerade sein Stadion ausbaut und in Luxus und Dekadenz zu schwimmen scheint.
Mit sturer Verbissenheit lässt das Team in der Liga dennoch nicht locker und man liefert sich bis zur Endphase ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit Fenerbahçe, Beşiktaş ist zu diesem Zeitpunkt bereits weit abgeschlagen auf Platz 3. Genau 3 Spieltage vor Ende der Saison liegen beide Mannschaften punktgleich an der Tabellenspitze, Fenerbahçe mit nahezu uneinholbarer Tordifferenz.
„20 Uhr 45″.
Es ist genau dieser Zeitpunkt, 3 Spieltage vor Schluss und mit einer satten 0-4 Niederlage gegen den Erzrivalen Fener im Rücken, an dem Vizepräsident Adnan Polat mit fast schon Hoeneßscher Logik in jede Fernsehkamera und in jedes Mikrofon davon spricht, dass „am letzten Spieltag um 20.45 Uhr dennoch „niemand anderes als Galatasaray den Meisterpokal in Händen halten wird“.
Weiter demnächst in Teil 2…

