Man kann eigentlich nur hoffen, dass Lucas Vogelsang im 11FREUNDE Live-Ticker kein Geld für das bekommt, was er da tut. Natürlich brauchen auch Praktikanten eine Spielwiese, an der sie sich austoben dürfen und ein bisschen mit dem Wortspielbaukasten, dem Phrasendreschautomaten und dem einen Semester Deutsche Philologie hantieren sollen. Dennoch ist das, was da gestern auf der Seite der 11Freunde zu lesen war, ein gutes Beispiel für muffige, alte, hingeflegelte, deutsche Sportjournaille.
Nehmen wir es einfach hin, dass es der deutsche “Sportjournalist” nicht schafft, das Mysterium türkischer Spielernamen zu entschlüsseln, akzeptieren wir es, dass jeweils Vor- und Nachnamen wild durcheinander geworfen werden, je nachdem, was man vorher irgndwo im Internet abgepaust hat. Die Aufstellung sieht dann folgendermaßen aus:
Galatasaray Istanbul: de Sanctis (Italiener, Nachname) – Sabri Sarioglu (Türke, Vor-und Nachname), Kaya (Türke, Nachname, hat gar nicht mitgespielt), Hakan Balta (Türke, Vor- und Nachname), Volkan Yaman (Türke, Vor- und Nachname) – Kewell (Australier, Nachname) , Baris Özbek (Türke, Vor- und Nachname), Güven (Türke, Nachname, hat auch nicht mitgespielt), Lincoln (Brasilianer, kennt man, das ist einfach), Ayhan Akman (Türke, Vor- und Nachname) – Baros (Tscheche, kennt man auch).
Wer allerdings der später im Text erwähnte “ehemalige Weltstar und Weitschussakrobat Hami Manderani” ist, weiß ich nicht, da hat Herr Vogelsang wohl noch nicht einmal googlen wollen, sondern hat seinen türkischen Gemüsemann gefragt. Warum auch nicht? Auch der eingangs enthusiastisch beschriebene Fernando Meira spielt nicht mehr bei Galatasaray, was aber auch nur wichtig ist, wenn man nicht so lustige, orthographisch bedenkenswerte Live-Ticker schreiben kann.
Dann geht es ihm um Moderatorin Müller-Hohenstein im Gespräch mit Kalli Feldkamp: “Sie ist selbst krampfhaft damit beschäftigt, sich nicht in Sterotypen zu verrennen. Ihr Gesicht ist verkrampft. Political Correctness kann so weh tun.”
Was meint Herr Vogelsang denn hier? Wo hätte er – ganz investigativer “Sportjournalist” – denn knallhart angesetzt und sich nicht von der vermaledeiten politischen Korrektheit leiten lassen? Kurdenproblem? Genozide? Gammelfleisch? Ach das ist Satire? Ah.
Pure Satire ist dann womöglich auch der verzweifelte Versuche, einen Bezug zu Vogelsangs vermutlich persönlichem Weltbild herzustellen.
Reporter “Wark verfasst ein Referendum zum Thema Integration” und hört sich an wie “ein Multikultiprospekt der VHS-Neukölln”, hat sich “aus Angst vor den türkischen Fans längst ein Galatasaray-Trikot übergezogen und [...] stellt nebenbei einen Visa-Antrag beim türkischen Konsulat” und “kauft sich bei ebay einen feschen Fes und die Biographie von Mustafa Kemal Atatürk”.
Ähm ja. Das ist echt sehr platt. Fehlt noch der Dönerwitz irgendwo und…ja, genau: “Die Türken belagern das Tor der Hamburger wie anno 1529 Wien”
Halten wir fest: Die 11Freunde gebärden sich als “Magazin für Fussball-Kultur” und bieten dennoch hier die gleiche Wurstigkeit in anderer Pelle. Keinerlei Ahnung, aber politische Anspielungen machen wollen. Wenn man flapsig daherkommt, wirkt das sicherlich so erfrischend anders, wie im SZ-Magazin vielleicht? Nicht? Och…
Man könnte auch einfach jemanden fragen, wie das mit den Namen der Türken ist oder warum es manchmal so ungewohnte Rückennummern gibt. Das nennt man auch “Recherche”. Ist aber nur was für jemanden, der seine Arbeit ernst nimmt.
Ist das alles eigentlich wirklich wichtig? Vermutlich nicht. Außer man hätte nur einen Funken Respekt vor seinem Beruf und vielleicht vor einer 2.5 Millionen Menschen umfassenden Gruppe im eigenen Land. Integration geht für manche Menschen vielleicht überraschend auch in beide Richtungen.